I. Demski mit Sohn
Eröffnung Reformhaus Onkel-Tom-Straße
1982
1960 - Fischerhüttenstraße 84...

Ein kleiner, sehr persönlicher Rückblick
von Ingrid Demski...


Am 8. Februar 1935 wurde ich als zweite Tochter des
KFZ-Werkstattbesitzers Karl Freidank und seiner
Frau Hedwig – einer gelernten Hauswirtschafterin –
in Berlin geboren. Der Zweite Weltkrieg begann, als ich gerade anfing, die Welt bewusst wahrzunehmen. Die Schrecken des Krieges, das Leid und das Elend, das auch meine Familie erleiden musste, haben mich sehr geprägt. „Nie wieder Krieg“ war nicht der einzige, ganz sehnliche Wunsch – nie wieder Hungern, nie wieder in so erbärmlichen Umständen leben – diese Gedanken haben mir mein Arbeitsleben lang Kraft gegeben und mich auch jeden noch so langen Arbeitstag klaglos überstehen lassen.

Nach dem Schulabschluss mit der mittleren Reife habe ich nach langer Suche durch die Vermittlung einer Freundin eine Ausbildungsstelle bei der deutschen Diakonenschaft in Berlin Friedenau begonnen. Ich musste täglich an einer uralten Schreibmaschine Briefumschläge beschriften und dann mit Briefmarken bekleben und zur Post tragen. Es war der Horror. Ich weiß noch heute, dass ich zu meinem Vater gesagt habe:“… wenn ich das weitermachen muss, nehme ich mir das Leben!“ Die Arbeit im Büro – stundenlang alleine ohne ein Wort vor mich hin arbeiten - das war nicht meine Welt.
Durch den Vater einer Freundin, der im Reformhaus Stühmke in Steglitz Kunde war, bekam ich den Tipp, dass dort Lehrlinge gesucht werden. Ich habe mich vorgestellt und war sofort begeistert von der interessanten Aufgabe. Ganz viel gab es zu lernen und der tägliche Kontakt zu sehr unterschiedlichen, interessanten Menschen war sofort das Richtige für mich. Das Schicksal hatte mir den richtigen Tipp gegeben. Schon bald war mir klar, dass ich meinen Traumberuf gefunden hatte, für den ich wirklich in jeder Hinsicht berufen war.
So fing ich am 1. September 1953 meine Ausbildung im Reformhaus Stühmke an. Meine Lehrchefin war eine überzeugte Vegetarierin und sehr streng. Als Lehrlinge mussten wir oft unter harten Bedingungen arbeiten und wurden immer wieder gezwungen, verdorbene, nicht mehr verkäufliche Waren zu essen, um so preiswert das Sortiment kennen zu lernen und den Hunger zu stillen. Was heute fast unglaublich klingt, war in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg die normale Folge der traumatischen Erfahrungen der Menschen. Schließlich hat mein Vater eingegriffen und mich aus diesem Lehrverhältnis herausgeholt.

Doch wieder hatte ich Glück und fand bei Reformhaus Mertens mit ihrem ganz modernen Reformhaus am Bahnhof Steglitz einen Ausbildungsplatz, der mir richtig gefiel. Nach 3 Jahren Lehrlingszeit durfte ich dann bald die Filiale in Schöneberg Hohenstaufenstraße als Filialleiterin führen. Ich war Feuer und Flamme und durfte dann schon nach kurzer Zeit weitgehend den Einkauf für alle 3 Filialen tätigen. Mein Filialleitergehalt betrug damals 300,-DM - das sind keine 150,-€ - aber ich war sehr glücklich! Irgendwann habe ich dann angefangen, mit dem Gedanken zu spielen, mich mit einem Reformhaus selbstständig zu machen. Während der „InterBau“ 1956 habe ich am Tage von morgens um 8 Uhr bis 19 Uhr im Reformhaus gearbeitet und dann abends und nachts im Tiergartenpavillon als Kellnerin mir zusätzliches Startkapital verdient. Als Kriegskind kam ich aus einer Familie, die im Krieg alles verloren hatte und wie so viele andere fingen wir alle „bei Null“ oder weniger an! Ab 1959 musste ich dann jede freie Stunde nutzen, um mich nach einem geeigneten Platz für mein Reformhaus umzusehen. Anfang 1960 entdeckte ich in der Fischerhüttenstraße 83 in Zehlendorf in einer Ladenreihe ein noch zu vermietendes Geschäft. Ich hatte 4.000,- DM wirklich sehr hart gespart und fand in Herrn Dr. Hofer einen sehr wohlwollenden Vermieter, der mir mit den Worten: „Wenn eine junge Frau mit 25 so viel Mut und Freude am Beruf und an der Arbeit hat, dann muss ich das würdigen…“ zusagte. So bekam ich meinen ersten Mietvertrag.

Für den Laden wurden 12.000,- DM Baukostenzuschuss vom Vermieter verlangt. Ich hatte ja nur 4.000,- DM, musste davon aber noch den Laden einrichten und mit Ware bestücken. Zum Glück ließ Herr Dr. Hofer sich auf eine sehr humane Ratenzahlung ein, die Hersteller der Reformwaren gaben mir großzügige Kredite und die erste Einrichtung wurde von einem Freund entworfen und sehr preiswert vom Tischler aus Holzbrettern noch von Hand gefertigt.

Wir waren von Anfang an ein Familienunternehmen – mein Schwager war Malergeselle und strich uns natürlich den Laden und die Regale. Meine Mutter kochte für alle fleißigen Helfer und putze was das Zeug hielt. Mein heutiger Mann, der für einen großen amerikanischen Getränkekonzern arbeitete – also beruflich auf ganz anderen Pfaden wandelte – half in seiner knappen Frei-zeit, wo immer er konnte. Sonahm mein erster Laden
langsam Gestalt an.


Ich weiß heute nicht mehr, wie ich das damals geschafft
habe, aber am Gründonnerstag, 14. April 1960, habe ich meinen ersten Laden eröffnet. Ich fuhr morgens um 6 Uhr von Steglitz, wo ich noch bei meinen Eltern wohnte, mit Bus und U-Bahn zum Laden. Ich war in Hoch-stimmung. Herr Köhler, unser damaliger Dekorateur, richtete noch das Schaufenster her und dann kamen die ersten Kunden. Am Vorabend, während wir noch putzten, hat mich Frau Fitzner gebeten, schon etwas einkaufen zu dürfen, da sie zu ihrer Schwester „in den Osten fahren“ wollte. Das war ein sehr guter Anfang… meine erste Kundin bescherte mir gleich einen Einkauf von fast 50,- DM – auf heutige Verhältnisse umgerechnet wären das sicher fast 300,-€. Ich war einfach nur glücklich und voller Optimismus.

 

Am 14.04. war dann Frau Poll meine erste Kundin. Salus Tee und Tropfen, Honig und viele gute Artikel gingen gleich über den frisch lackierten Ladentisch. Dann kamen die Gratulanten - Hersteller und Lieferanten kamen persönlich zur Eröffnung. Ich sehe noch heute Herrn Eberhard Paech, von Paech-Brot, mit einer großen Blumenschale mit einem Rhododendron, der noch heute unseren Garten ziert. Alle großzügigen und hilfsbereiten Hersteller-Partner, die mit viel Entgegenkommen geholfen haben, meinen Traum vom eigenen Geschäft überhaupt erst möglich zu machen, kamen zu meiner Eröffnung.

Es war ein wunderbarer Anfang und wir hatten abends 443,50 DM in der Kasse, die ein einfaches Schubfach im Ladentisch war. Gerechnet wurde alles auf Papier mit Stift. Wir haben nach etwa 2 Jahren die erste Registrierkasse angeschafft. Zuerst war ich ganz allein in meinem Laden, bis ich dann ab Herbst 1960 ein Lehr-mädchen, Ursel Wiese, bekam. Wir waren ein fröhliches, fleißiges Team. Nachmittags kam mir meine liebe Mutter zu Hilfe. Wir haben ja damals noch alles selbst abgepackt, Studentenfutter selbst gemischt, Reis und Getreide selbst abgewogen und verpackt. Es war sehr viel Arbeit.

Morgens um 5 Uhr fuhr ich zum Großmarkt und kaufte ungespritzte Orangen, Zitronen und Grapefruits und Obst und Gemüse ein. Dann fuhr ich zu meinem Laden. Inzwischen waren jeden Morgen die Vorzugsmilch und Vollkornbrötchen schon angeliefert, und ich fuhr meist mit dem Fahrrad Milch und Brötchen liefern bei Familie Hiller, Lohmüller und Frehner… ich erinnere mich noch an jeden meiner Kunden, als wäre es gestern gewesen.

Am 4. April 1963 habe ich dann meinen langjährigen Freund – Herbert Demski – geheiratet. Genau genommen beginnt die Geschichte des Reformhaus DEMSKI erst an diesem Tag.

Knapp ein Jahr später kam unser Sohn Marc-Andreas auf die Welt. Unsere kleine Familie lebte in der ersten Einzimmerwohnung meines Mannes in der Walter-Höfer-Straße. Es ging sehr beengt zu, aber wir waren ja meistens arbeiten und nicht viel zu Hause.
Wir hatten viel Glück und Erfolg und mein Mann, der zu dieser Zeit als Außendienstmitarbeiter bei der Firma Bahlsen tätig war, hörte bei einem Besuch eines Kunden, dass der kleine Carisch-Kaffee-Supermarkt am Teltower Damm geschlossen werden sollte. Herr Haupt, der Eigentümer, fand uns geeignet und nach langem Gespräch gab er seine Zustimmung, wenn wir mit dem Vormieter, Herrn Carl-Richard Schmidt (deshalb CaRiSch), einig werden würden. Noch heute denken wir an das für uns so entscheidende Gespräch mit Herrn Carl-Richard Schmidt am Bülowbogen. Wir rechneten, wenn ich mich richtig erinnere, mit 10.000,- DM Abstand für die schon sehr alte Ladeneinrichtung und das Förderband zum Lagerkeller. Aber die Familie Carisch forderte 60.000,- DM. Wir waren fassungslos, enttäuscht und fast mutlos. Unser Traum von einem zweiten Geschäft in der damals schon sehr belebten Geschäftsstraße Teltower Damm schien geplatzt. Ich bin von einer Bank zur nächsten gegangen und habe alles versucht, um einen Kredit zu bekommen. Aber ohne Sicherheiten gab es auch damals schon keinen Kredit…
Wieder hatten wir großes Glück. Eine Stammkundin kam braun gebrannt in die Fischerhüttenstraße einkaufen und ich fragte sie, woher sie so toll aussehe. Das Gespräch endete damit, dass wir uns mit Ihrem Mann getroffen haben und er uns das Geld mit fast 20% Risiko-Zinsen geliehen hat. Es war ein Riesenschritt für uns. Wir hatten wieder so viele Schulden, aber am 02. Mai 1969 eröffneten wir mit unserer treuen, uns noch heute freundschaftlich verbundenen, ehemaligen Mitarbeiterin Frau Lehmann, das Geschäft am Teltower Damm.
Der Teltower Damm entwickelte sich unter der Führung meines Mannes, der seine Stelle bei Bahlsen aufgegeben hatte und die Leitung unseres Reformhauses am Teltower Damm übernommen hatte, dann sehr schnell sehr positiv. So konnten wir bald unseren Kredit zurückzahlen. Ich denke immer wieder einmal, wie gut es ist, auf Menschen zu zugehen. Hätte ich meine Stammkundin nicht wegen Ihres guten Aussehens angesprochen, hätten wir keine Möglichkeit bekommen, den Teltower Damm zu eröffnen. Ich denke, es war alles so eine gute Fügung und wir waren unseren Kreditgebern trotz der enormen
Risiko-Zinsen sehr dankbar.



Wir waren sehr fleißig und sparsam, unser Sohn half auch schon mit viel Engagement mit. Oft haben wir sonntags Regale aufgefüllt, Kühltruhen ausge-
räumt und geputzt oder Arbeiten erledigt, die während des Geschäftsbetriebes unmöglich waren. In der Zeit, als mein Mann noch als Reisender tätig war, hatte er mit unserem Kollegen Fischer in der Ladenstraße im U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte besprochen, dass wir, falls er sich aus Altersgründen

zurückziehen würde, eventuell am Kauf seines Ladens interessiert wären. So stand er an einem schönen Sommerabend 1975 bei uns zu Hause vor der Tür und verkaufte uns sein Geschäft in der Ladenstraße „per Handschlag“.

Eigentlich passte dieser Laden samt Personal, Einrichtung und Einstellung überhaupt nicht in unser Konzept, aber nach anfänglichen, großen Schwierigkeiten, wurde es dann doch unser dritter, etwas ungeliebter Laden. So hatten wir, eigentlich gegen unseren Willen, wegen der Zusage an Herrn Fischer, plötzlich 3 Läden. Unser Prinzip, dass mein Mann und ich angestrebt hatten, dass immer ein Inhaber im Laden sein sollte, ließ sich ja nun nicht mehr verwirklichen. Wir wussten auch, dass es besser wäre, nicht zusammen als Ehepaar in einem Laden tätig zu sein. Mein Mann und ich sind in vielen Fragen sehr unterschiedlicher Meinung – Gegensätze ziehen sich an.

 

Sich gegenseitig zu ergänzen, zusammen zu arbeiten, aber auch immer ausreichend Freiraum und Abstand von einander zu bewahren, scheint durchaus ein Erfolgs-rezept. Mein Mann und ich feiern schon bald goldene Hochzeit – wenn das kein Zeichen für eine gelungene Partnerschaft ist…

Mein Mann ist der bessere Verhandler, ich bin die überzeugende, beliebte Verkäuferin aus Liebe zum erwählten Beruf. Mein Beruf war immer meine Berufung und hat mir ganz viel Freude und Erfolg beschieden.

Da der Laden sehr klein war, bemühten wir uns, in der Ladenstraße einen größeren Laden zu bekommen. Wir hatten wieder einmal Glück. Der Bäcker Mahnke, der seine Bäckerei am Eingang U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte an der Onkel-Tom-Straße hatte, setzte sich 1982 zur Ruhe. Deshalb bot er uns seinen Mietvertrag und seine alte Ladeneinrichtung an. Mit sehr viel Arbeit wurde die ehemalige Bäckerei, in der noch ein riesiger Backofen stand, zu einem damals sehr modernen Reformhaus umgebaut.



Die Eröffnung am 15. April 1982 war ein großer Erfolg. Wir hatten als Clou Jutetaschen für 99 Pfennig im
Eröffnungsangebot. Man kann sich gar nicht vorstellen, was da los war. Wir wollten um 10 Uhr mit viel
Tam-Tam eröffnen. Ab 8 Uhr bildete sich eine lange Schlange vor dem Geschäft. In der Aufregung hatten wir natürlich keinen Film in der Kamera und mussten erst einen passenden Film besorgen. Es war ganz wunderbar und sehr aufregend und natürlich ein sehr gutes Omen. Ich erinnere mich, dass mich eine Freundin am Abend anrief und mir berichtete, sie sei heute bei mir einkaufen gewesen, und ich hätte kassiert und nicht einmal hochgeguckt, so war ich mit dem Andrang beschäftigt. Eine kleine Wette zwischen unserem damaligen Mitarbeiter Herrn Schulz und mir über die zu erwartende Umsatzhöhe habe ich haushoch gewonnen.

Da ich ja noch meinen Laden in der Fischerhüttenstraße 83 führte, waren unsere von Herrn Fischer übernommenen Mitarbeiter aus der Ladenstraße, Frau Friedrich (Filialleiterin), Frau Schwarz, Frau Kehrberg, Frau Ihlefeld und Frau Zöllner alleine in unserem neuen Geschäft tätig.
Leider hatten mein Mann und ich immer häufiger das Gefühl, mit 3 Geschäften überfordert zu sein. Als ich in meinem Lieblingsladen, der Fischerhüttenstraße, von einer mir sehr am Herzen liegenden Mitarbeiterin massiv durch den Griff in die Kasse betrogen wurde, sah ich keine andere Möglichkeit mehr, als ein Geschäft zu verkaufen. Ich war so verletzt, enttäuscht und in meinem Innersten erschüttert, dass ich mich entschloss, mein erstes Geschäft aufzugeben.
Da unser Mitarbeiter Herr Schulz sich gerne in der Branche selbstständig machen wollte, boten wir ihm den Laden an und so waren Jutta und Konny Schulz bald unsere sehr tüchtigen Nachfolger und Mitbewerber in Zehlendorf. Aber das war auch Ansporn für uns und wir pflegten ein gutes Verhältnis. Im Nachhinein wundere ich mich eigentlich, dass aus so engagierten Kollegen und Wettbewerbern so gute Freunde werden konnten.

Unser Sohn war unendlich traurig über den Verlust unseres Ladens, in dem er seine Kindheit so schön verbracht hatte und erbat sich, dass er das Vorkaufsrecht bei eventuellem Verkauf des Ladens hätte. 1996 war es dann so weit: Das Ehepaar Schulz ging in den Ruhestand und unser Sohn kaufte den Laden in der Fischerhüttenstraße zurück. Nachdem unser Sohn das Studium der Betriebswirtschaft erfolgreich abgeschlossen hatte, übernahm er am 01.07.1995 das Unternehmen und wir zogen uns aus dem Geschäft in den Ruhestand zurück. 35 Jahre Selbständigkeit waren ein großer Kraftakt und mit vielen Entbehrungen und unendlich viel Arbeit verbunden. So war für uns die Aussicht auf „Freizeit ohne Grenzen“ fast paradiesisch. Aber der Abschied aus meinem geliebten Beruf fiel mir sehr schwer. Ich vermisste den guten, lebendigen Kontakt zu meinen Mitarbeitern und Kunden und musste erst lernen, mit der neuen Lebenssituation umzugehen.

Heute sind mein Mann und ich rüstige, reisende Rentner, die ihr Leben genießen und das große Glück haben, einen riesigen Schatz an wunderbaren Lebens-erinnerungen zu haben. Wir fühlen uns oft gesund und noch immer tatkräftig, und wann immer Not am Mann ist, sind wir noch heute voll dabei.

Allen, die uns als Kunden, Lieferanten, Partner oder Ratgeber in all den Jahrzehnten begegnet sind und Gutes getan haben, sagen wir aus tiefstem Herzen Danke! Wir sind wirklich dankbar für alles Erlebte, und unsere letzte Bilanz unseres Unternehmerlebens ist die positivste, die wir uns wünschen können.

Herzlichst

Ihre Ingrid Demski